Symposium „Theater und Geschichte“ / Szenische Lesung „Begegnungen. Orte – Sprechen – Exorzitien“

18. und 19. Mai 2012 im Theater an der Ruhr (Mülheim)

Eine Kooperation des Theaters an der Ruhr in Mülheim und des Forschungskolloquiums von Herrn Prof. Dr. Günther Heeg sowie der Studierenden des Instituts für Theaterwissenschaft der Universität Leipzig

Am Freitag, den 18. Mai und Samstag, den 19. Mai ist die Leipziger Theaterwissenschaft zu Gast im Theater an der Ruhr. Mit einer szenischen Lesung und einem Symposium nähern sich Studierende und Forschende dem spannungsreichen Verhältnis von Theater und Geschichte.

 

„Ihr Menschenbrüder, lasst mich euch erzählen, wie es gewesen ist.“

Dies ist in „Begegnungen. Orte – Sprechen – Exorzitien“, einer Lesung von Jonathan Littells viel diskutiertem Roman „Die Wohlgesinnten“, durchaus wörtlich zu verstehen. In seinem Werk verbindet der Autor die fiktive Biografie des SS-Obersturmbannführers Dr. Maximilian Aue mit realen Tätern, Schauplätzen und Ereignissen des Zweiten Weltkriegs. Aus der Innensicht der Täter artikuliert Littell die Vernichtungsbewegung der deutschen akademischen Elite durch Europa in einer moralisch nicht vorbeurteilenden, nicht rechtfertigenden und nicht entschuldigenden Sprache, die die Schutzmauer zwischen ‚uns‘ und den Tätern zerschlägt. Die szenische Lesung, die erstmals im Juli 2011 im Ariowitsch-Haus Zentrum Jüdischer Gemeinde in Leipzig aufgeführt wurde, will diesem Sprechen eine Vielzahl von Stimmen verleihen, die die Gespenster der Vergangenheit beschwören, um ihren Bann in der Gegenwart zu brechen. Die Lesenden sind auf verschiedene Räume des Theaters verteilt, in denen sie gleichzeitig den Text vortragen. Dem Publikum steht es offen, wann es kommt und geht und in welchen Räumen es sich aufhält. Jeder Zuschauer bestimmt selbst die Weise, in der er den unterschiedlichen Stimmen begegnet. So erkunden Besucher und Lesende, inwieweit die Behauptung der Romanfigur Aue zutrifft: „Immerhin betrifft die Geschichte euch: Und ihr werdet schon sehen, wie sehr sie euch betrifft.“

„Eine Funktion von Drama ist Totenbeschwörung – der Dialog mit den Toten darf nicht abreißen, bis sie herausgeben, was an Zukunft mit ihnen begraben worden ist.“ (Heiner Müller)

Auf dem Theater wird eine Geschichte erzählt – so jedenfalls sind wir es gewohnt seit der „Poetik“ des Aristoteles. Aber die Geschichte, die die Handlung auf dem abendländischen Theater bestimmt, ist nicht gleichzusetzen mit der Geschichte, die das Theater übersteigt und umfasst.
Das Symposium „Theater und Geschichte“ versucht dieser Erfahrung von Geschichte, die über den konventionellen Rahmen von Theater hinausgeht, in mehreren Podiumsrunden beizukommen. Zugleich beleuchten die verschiedenen Beiträge das Theater als einzigartigen Ort der Aushandlung und Aneignung der Vergangenheit in der Gegenwart. Letztlich geht es dabei um die Frage, wie wir einen Umgang mit (unserer) Vergangenheit pflegen können, der unser Handeln nicht vorbestimmt, sondern uns Handlungsmöglichkeiten jenseits des Diktats des Alltags gibt. An zwei Tagen erkunden die TeilnehmerInnen aus unterschiedlichen Perspektiven ‚Geschichte in Zukunft’ im Medium des Theaters.

Ablauf

Freitag, 18.5.

10.00 Uhr
Theater und Geschichte – Eine Eröffnung

Helmut Schäfer, Künstlerischer Leiter Theater an der Ruhr
Prof. Dr. Günther Heeg, Institut für Theaterwissenschaft Universität Leipzig

11.00 – 13.00 Uhr
Panel 1: Geschichte: Drama

Lars Krüger: Archäologie des Sozialismus. Heiner Müllers Der Bau

Max Grafe: Der Körper in Laurent Chétouanes Inszenierung Dantons Tod

Guido Böhm: „Vorwärts zu Goethe“? - Fritz Bennewitz inszeniert Goethes Faust am Nationaltheater Weimar

Marcus Quent: Praktiken des Erinnerns. plan b: Monday Walks

Torben Ibs: Rituale der Erinnerung. Lichtfest Leipzig

14.00 – 16.00 Uhr
Panel 2: (Lebens-)Geschichte erzählen. Wenn Biographie (auf) der Bühne eine Szene macht

Veronika Darian: Biographie schafft sich eine Bühne. Von 'well made plays' und anderen Lebensläufen

Vanessa Ganz: „Zurück in die Zukunft“ - BioHistorioGraphie in andcompany &Cos Little red (play): herstory

Sophie Witt: Überlegungen zur Lebens-Szene: Goethe und Freud

Michael Wehren: "Sieben Leben im Schnelldurchlauf" - Anmerkungen zur Inszenierung zukünftiger Biographien in Gob Squads Before your very eyes
 

16.30 – 17.00 Uhr
Einführung Jonathan Littell „Die Wohlgesinnten“

17.00 – 22.00 Uhr
Szenische Lesung „Begegnungen. Orte – Sprechen – Exorzitien“ - Teil I

Samstag, 19.5.

11.00 – 12.15 Uhr
Panel 3: Ereignis und Reenactment

Jeanne Bindernagel und Micha Braun:
Zwischen Behauptung und Beweiskraft von Präsenz in den künstlerischen Arbeiten von Robert Kusmirowski und Thomas Harlan

12.15 – 13.30 Uhr
Panel 4: fact and fiction

Tamar Pollak und Andrea Hensel:
Elfriede Jelineks Rechnitz (Der Würgeengel) und Jonathan Littells Die Wohlgesinnten. Literarische Zeugenschaft zwischen Fakt und Fiktion

14.00 – 22.00 Uhr
Szenische Lesung „Begegnungen. Orte – Sprechen – Exorzitien“ - Teil II