Searching for Sam Shepard

Im vergangenen Sommersemester 2005 fand ein Seminar für Grund- und Hauptstudenten über den amerikanischen Theaterstückeschreiber, Regisseur, Drehbuchschreiber, Filmemacher und Schauspieler Sam Shepard im Institut für Theaterwissenschaft statt. Die Teilnehmer analysierten theoretisch das Werk des Autors, begonnen von seinen ersten, einaktigen Stücken, bis hinzu seinen „family plays" und Filmen, wie zum Beispiel „Silent Tongue". Als würdigen Abschluss des Seminars, wählten die Studenten mit Hilfe der Seminarleiterin Dr. Martina Bako wichtige Passagen aus den verschiedensten Shepard-Texten aus, um diese mit Hilfe von Musik, Tanz, Schauspielerei und Videoprojektion zu einer Performance zusammenzustellen. Dafür wurde an den letzen vier regulären Seminartagen auf der Probebühne des Instituts im Kochhochhaus (Goethestraße 2) geprobt, teilweise von morgens bis abends. Das Ergebnis präsentierte das Seminar Ende Juli 2005 auf jener Bühne einem Publikum. Unter dem Titel „Searching for Sam Shepard", reisten die Zuschauer durch eine Welt der Einflüsse, die Shepard zu seinem Werk inspirieren und inspirierten. Von der Bedeutung der Landschaft und dem Patriotismus und Stereotypen der Amerikaner, über die Vorlieben des Autors für Country Music und den Cowboy-Mythos, war alles dabei.

20 junge Frauen und Männer des Instituts für Theaterwissenschaft beschäftigten sich fast vier Monate mit dem Leben & Werk des Theaterregisseurs und Stückeschreibers Sam Shepard. Nach weiteren vier Probentagen wollten sie die erarbeitete Theorie praktisch und performativ einem Publikum präsentieren. Am 21. Juli 2005 war es so weit: Die Suche nach Sam Shepard begann.

Marilyn Monroe und Elvis Presley verfolgten mit wachsamen Augen die Proben und die szenische Präsentation der Suche.

Nachdem die Absperrung im 5. Stock des Koch-Hochhauses durchtrennt wurde, strömten die Interessierten in den Zuschauerraum der Probebühne. Unter Ihnen auch Mitglieder des Instituts für Theaterwissenschaft, wie Christiane Richter und Prof. Dr. Günther Heeg.

Tatsächlich reichten die vorgesehenen Sitzplätze nicht aus, sodass das Publikum, zum Großteil auf dem Boden, die Performance direkt am Bühnenrand mitverfolgte. Die Atmosphäre der Szenerie erwies sich eines Shepard-Stücks würdig: Der Raum war von verbrauchter, nahezu heißer Luft erfüllt, fast wie in einer Wüste.

Frau Dr. Martina Bako, verantwortlich für Regie und Leitung des Projekts, begrüßte die Zuschauer mit der Maxime von Samuel Beckett: „Immer versuchen. Immer scheitern. Weiter versuchen. Weiter scheitern. Besser scheitern." Zu Beginn stand auch Ihr an der Technik die Anspannung noch förmlich ins Gesicht geschrieben.

Doch diese löste sich sehr schnell. Hank Williams „Love Sick Blues" untermalte das erste Bild: 12 in sich gekehrte Damen, in Jeans bzw. Jeansröcken und schwarzem Oberteil, treffen auf 5 „James-Dean-Verschnitte", ebenfalls in Jeans und weißen Shirts.

Die Formation der Teilnehmer nimmt Aufstellung. Vor der Videoprojektion werden chorisch die Worte von Joseph Chaikin, einem langjährigen Partner Shepards, gesprochen: „It's an impossibility! We will be here forever!"…

Die Szenerie wechselt: Nach dem kreuzförmigen Spannen einer Wäscheleine, gehalten von vier lebenden Pfosten, tanzt eine junge Frau extrovertiert und exzentrisch zu Johann Sebastian Bach. Im Hintergrund ein selbstgedrehter Film-Clip aus der texanischen Wüste. Dem Publikum soll eines klar werden: Die Bedeutung der U.S. amerikanischen Natur, die Shepard zum einen liebt, sie zum anderen aber auch für Kritik nutzt

Doch die Wäscheleine ist nicht gänzlich leer: Eine blonde Lockenperücke und ein Cocktailkleid im Zentrum. Wer ist das?... Mae West... „I know, I am not as good as Mae West, but so what!"

Auftritt Eddie und May aus „Fool for Love". Er im Vordergrund, versteinertes Gesicht, das Lasso schon gesenkt. Eddie wird May immer finden, egal was sie tut. Er geht nie weg. Sie, hier noch verdeckt im Hintergrund, wird ihm jedoch gleich sagen, dass sie ihn nicht braucht, nicht liebt. So deutlich, wie sie es noch nie getan hat.

Der performative Ablauf des Abends wurde an den entsprechenden Stellen durch kurze, wissenschaftliche Erklärungen zu Sam Shepards Figuren, deren Schicksalen oder der Auffassung des Autors zum Identitätswechsel untermauert. Eine Orientierung für die Zuschauer, speziell für diejenigen, denen die Theaterstücke neu waren.

Die angeleuchteten „Stars & Stripes", das Symbol für amerikanischen Patriotismus. Daneben geht Wesley, der Sohn der Familie in „Curse of the Starving Class", immer weiter in die Knie. Er wird durch das nach unten gedrückt, was er wiedergibt: Der Pick Up kommt die Straße herauf, Dad ist betrunken, die Tür splittert, Schreie von Mom und Dad, Chaos und dann... eine unheimliche Ruhe.

Wesley wird durch den klassischen Tanz einer jungen Dame unterstützt. Schwanengleich aber auch ironisch bewegt sie sich grazil zu leisen, gezupften Gitarrenklängen, Geräuschen diverser Perkussionsinstrumente und arienartigem Gesang.

Hier in „Action": Jeep, ein Mann dessen Leben zwischen Gerichtssaal, zu Hause und Streifenwagen schwankt. Rotgescheuerte Handgelenke, aggressiver Gesichtsausdruck. Im Knast hilft nur Bewegung...1...2...1...2...

...1...2...Was soll man tun? Die Wände kommen auf einen zu, man muss sich an einen Gedanken klammern, um nicht völlig durchzudrehen. Das Zeitgefühl geht komplett verloren. Ein Ausweg?... Die Hauptsache ist immer wieder: Bewegung...1...2...1...2.

Populärkulturelles, amerikanisches Cheerleading trifft auf deutschen Salat: Anstatt der gewohnten, bunten Pompons verwenden die Damen das grüne Gemüse. „Three, four! This is what your land…

…did to me!"

Wieder ein Paar, wieder ein destruktives Verhältnis. Die Frau wehrt sich. In „Lie of the Mind" wird Beth von ihrem Mann Jake fast zu Tode geprügelt. Denn Tod ist das Einzige was für ihn zählt, so Beth. Doch jetzt rächt sie sich...

...Der Moment explodiert und Jake wird von ihr begraben - unter Massen von Kartoffelchips.

Die Videoprojektion diente den ganzen Abend als Hintergrund und wurde in die Performance mit eingebunden. Hier zu sehen: Method Actor Ethan Hawke in der Rolle des Vince in einem Bühnenmitschnitt von Shepards „Buried Child".

Intertextualität: Das Finale von „Killers Head" verschmilzt mit „Cowboy Mouth". Vier Frauen machen sich auf den Weg eines der grausamsten Urteile zu vollstrecken...

...Der Täter (oder das Opfer?): Cavale. Sie ist regelrecht gespalten, zweigeteilt. Wer sein Leben lang nur wie Abschaum behandelt wurde, hat meist nur ein schönes Schlüsselerlebnis. So auch hier. In einer Schulproduktion des „Hässlichen Entleins" freute sich Cavale als Entlein auf die Verwandlung in den weißen, schönen Schwan. Doch der Traum platzte, keine Verwandlung, der Schuss fällt. Eine Frau dreht sich singend um die Hinrichtungsszene.

Natürlich kam auch der Meister selbst zu Wort. Leider nicht in persona, was sicher nicht nur an seiner Phobie vor dem Fliegen liegt. Aber via Projektion auf der Wand. Hier ein Ausschnitt aus dem Dokumentarfilm „STALKING HIMSELF".

Einer der wichtigsten Einflüsse Sam Shepards: Country Music! Was passt besser, als ein Square Dance zu Hank Williams „Ramblin Man", gesungen und auf Gitarre begleitet von einer Teilnehmerin der Performance.

Square Dance, die Zweite. Auch diese Choreografie wurde in der kurzen Probenzeit einstudiert.

Der Kreis schließt sich. Das Anfangsbild des Abends umgekehrt: Die „James-Dean-Verschnitte" in der Kauerstellung der Damen, welche die Haltung der Männer einnehmen. Im Hintergrund „Cruising Paradise". Was ist wichtiger: Gary Cooper oder die Landschaft??

Die Performance wird nach knapp 30 Minuten von allen Teilnehmern mit einem Winken ins Publikum beendet, welches einen kleinen Einblick in die Gedankenwelt von Sam Shepard bekam. Doch es wurde nicht nur gewunken...

...Es wurde auch gesungen: „Country Roads, take me home!"

Performance plus: Doch noch ein Bild?! Dr. Martina Bako wurde von den Teilnehmern des Projektes überrascht, umringt und mit zugehaltenen Augen erhält sie den Dank für das Zustandekommen des Abends: Einen ledernen Bauchgurt, indianisch anmutend und das Wichtigste: Eine große, rote Rose!

Die wohlverdiente Verbeugung mit jener Blume vor dem begeisterten Publikum.